Die Menschen,
die auf die kleine
Kapelle zugingen, schienen in ihrer Trauer vereint. Ein leichter
bläulicher
Dunst teilte sich den Himmel mit einem unnachgiebigen Grau. Der Wind
wehte das
Rascheln der Weide vor sich her, wehte es tiefer in diesen Tag, durch
die Füße
eines Mädchens hindurch, das ruhig und bestimmt seinen Weg
ging.
Sie schien
unberührt von dem Wind
und der seltsamen Mischung aus Zuneigung, Schmerz, Missgunst und
eichernem
Vorwurf, die in der Luft lag.
Der Tag war ihr
gut genug, um
Abschied zu nehmen.
Vierzehn war
sie. Hatte eine
ausgeprägte Vorliebe für den Herbst. Kleidete sich
ungewöhnlich: Glockenrock
mit Blumen in weinrot und safrangelb, Turnschuhe, Strumpfhose,
kastanienbraune
Bluse, dazu die dicke graue Strickjacke ihres Großvaters.
Liebte es, alleine durch die bunten Wälder zu streifen. Ihre
Farben mischten
sich mit den Laubtönen zu einem Bild. Ein Bild, das sie gerne
betrachtete,
dessen Teil sie war. In ihm war sie mehr zu Hause als in ihrem Leben.
Sie
passte in den Herbstwald so wie sie vor einiger Zeit noch in das
Häuschen ihrer
Großmutter Reni gepasst hatte. Großmutter mit
kleinen runzligen Händen, den
Bratäpfeln gleich, die sie in ihrem Kachelofen brutzelte.
In jener Zeit
behütete ein
Indiohut das Mädchen auf ihren Streifzügen. Ihre
besten Freunde waren der Ahorn,
die Hainbuchen und die Eschen. Bei ihnen
konnte sie hemmungslos
weinen und sie rannte fast auf dem Weg dorthin. Danach fühlte
sie sich voll und
weit, das Leben hatte seine Lebendigkeit zurückerhalten. Und
dann, heimgekehrt,
für kurze Zeit den Sturm im Inneren besänftigt, hielt
sie die Tontasse mit dem
peruanischen Muster in der Hand. Genoss es, wie der heiße
Matetee den Körper
wärmte so wie die Bäume ihre Seele gewärmt
hatten.
Heimgekehrt.
Hatte sie ein Heim?
Ein Zuhause, sicher, sie war geboren hier, in der Wohnung mit den
geraden
Wänden und dem nüchternen Charme des
Architektenpaares, das außer Arbeit kaum
etwas kannte.
Zielgerichtet, ohne Schnörkel: ihr Vater. Tüchtig und
talentiert: ihre Mutter.
Mit drei Jahren gaben sie das Kind zur Großmutter, um ihr
Berufsleben wieder
voll aufzunehmen.
Das kleine
Mädchen war nicht
unglücklich darüber. An den Wochenenden sah es die
Eltern regelmäßig, aß mit ihnen
wie eine kleine Erwachsene, spazierte in Lackschuhen durch Parks, sah
den Vater
bis in die Nacht am Reißbrett sitzen.
Doch wochentags
war sie
Mittelpunkt in Großmutters Leben. So wie es einst der
Großvater und die eigene
Tochter gewesen waren. Renis Augen von Lachfältchen umstrahlt.
Die sanfte
Zauberkraft ihrer Bratapfelhände. Das einfache leckere Essen.
Weiße
Grießnocken, schwimmend in Zwetschgenkompott.
Großmutter ließ das Mädchen auch
wissen, wenn sie mit etwas nicht einverstanden war. Sie konnte dann
richtig
zornig werden. Doch niemals entstand eisige Kälte zwischen
ihnen. Das Leben war
eine Leichtigkeit, solange sie beieinander waren. Nur wenn das
Mädchen nach
Großvater fragte, wurde die Großmutter verschlossen
und einsilbig.
Großvater
Knut, der Holzschnitzer.
Er war ein stiller, unsteter Mann gewesen, so hatte die Mutter einmal
erzählt,
immer wieder zog es ihn hinaus in andere Gegenden. Mit dem Rucksack
verschaffte
er sich Abstand von etwas, das er „lange
Öde“ nannte. Ein paar Tage nur, dann
kehrte er zurück. Großmutter wollte nicht mit ihm
ausreißen, mit einer Mischung
aus Angst und Bewunderung ließ sie Knut ziehen. Sie wusste,
dass er nach seinen
Reisen gerne wieder im Alltag Platz nahm. Doch diese führten
ihn weiter fort.
Er besuchte mit der Bahn die Nachbarländer. Schickte
Postkarten mit Ansichten
von Bergen und Wasserfällen. Bis er dann sehr lange nichts
hören ließ.
Er hatte sich
in Peru
niedergelassen. Schickte wieder Postkarten an seine Familie,
später noch Pakete
an den Geburtstagen der Tochter. Mal einen Indiohut, mal ein Kissen mit
Ornamenten.
Reni redete
nicht mehr über ihren
Mann. Tief in sich hütete sie die Erinnerung an ihn wie
Reichtümer, die man
nur, wenn man allein ist, betrachtet. Niemals würde sie seine
Holzarbeiten und
seine Kleider aus dem Haus geben.
Zum zehnten
Geburtstag der Enkelin
kam nach langen Jahren wieder ein peruanisches Paket: Die Tontasse,
rot, mit
dem bunten geometrischen Muster und ein Päckchen Matetee. Das
Schönste aber war
ein rätselhafter geschnitzter Vogel, schwarzweiß
bemalt. Ein Kondor, wie sie
später herausfand. Das Mädchen stellte die Figur auf
das Regal über dem Bett.
Vor dem Schlafen erzählte es dem Vogel ein wenig von sich.
Sie konnte
Großmutter überreden,
eine Kanne Tee zu kochen und mitzutrinken. Der herbe Geschmack der Mate
war
anders als der Lindenblütentee, den sie sonst tranken. Auf der
Packung waren
grüne Täler und blauer Himmel zu sehen. Blauer das
Blau, grüner das Grün. So
schmeckte der Tee. Großmutter saß lange mit der
Tasse am Küchentisch und schien
in einer anderen Zeit zu sein. Seit damals kaufte sie immer mal wieder
ein
Päckchen Matetee und legte es zuvorderst in den
Küchenschrank.
Als das
Mädchen 13 wurde,
erinnerten sich seine Eltern plötzlich, dass sie eine Tochter
hatten und holten
sie wieder zu sich. Eines der Zimmer in der Reißbrettwohnung
hatten sie als
„Jugendzimmer“ eingerichtet.
Wie 10 Jahre
zuvor, wurde sie
einfach wieder in ein neues Leben geworfen. Nur dieses Mal fiel es ihr
nicht
leicht. Ihre Eltern hatten in den letzten Jahren immer wenig Zeit
für sie
gehabt. Aus regelmäßigen Treffen waren gelegentliche
geworden.
Und
längst war ihr das kleine
Zimmer bei Reni Heimat. Sie liebte die krummen Wände dort. Die
ächzenden Türen.
Hier, in der Architektenwohnung, war ihr alles zu gerade, zu glatt, zu
kalt.
Die Eltern bemüht. Auch sie bemühte sich. Sie ertrug
ihr Schicksal unkindlich
vernünftig und fügte den zwei wie Automaten
funktionierenden Erwachsenen noch
eine jüngere Kopie hinzu. Doch sie vermisste die Vertrautheit,
die sie mit der
Großmutter hatte, die selbstverständliche
Zärtlichkeit.
Die Eltern
waren ihr auch
körperlich völlig fremd, sie zeigte sich ihnen nur
angezogen. Es war ihr nicht
einmal möglich, die Strümpfe vor ihnen auszuziehen.
Sie besuchte
Großmutter immer
weniger. Wenn sie schon auf der Treppe zu ihr war, überkam sie
eine solche
Wehmut, dass sie umkehrte. In ihr Zuhause, wie sie es sich vorzusagen
pflegte:
Mein Zuhause. Nur daheim würde sie dort niemals sein.
Einmal im
Herbst unterbrach sich
das Immergleich der Tage, als Großmutter Reni beerdigt wurde.
Gestorben war sie
unauffällig, als wäre sie bei der Nachbarin ein paar
frische Eier holen
gegangen.
Die Enkelin
stand am Grab mit
einer Thermoskanne voll Matetee und einer Tontasse aus Peru. Sie
goß zuerst die
Tasse ein und den Rest langsam, ganz langsam in das dunkle Loch. Dann
ging sie
zielstrebig auf eine große alte Eberesche im hinteren Teil
des Friedhofes zu.
Dort trank sie Schluck um Schluck aus ihrer Tasse und verstaute sie
achtsam in
einem Beutel.
Ihr
Abseitsstehen wurde von
niemandem bemerkt.
Sie
spürte es wieder, dieses
Lebendigsein, diese Wärme. Und sie musste lächeln,
als sie aus ihrem Beutel den
kleinen peruanischen Kondor holte, der seine Flügel spreizte
und wuchs und
wuchs und wuchs und geduldig wartete, dass sie Platz nahmen, sie und
Reni und
langsam erhoben sie sich in die Luft, drehten eine Runde noch
über dem Friedhof
und konnten die beiden Apparatmenschen erkennen, die wild mit den Armen
gestikulierten und umherrannten.
Das Lächeln schwoll zu einem Lachen. Die Großmutter
stimmte mit ein. Und es
trug den Vogel. Und sie, sie sangen wie zwei Kinder, hoch und hell:
nach Peru,
nach Peru!
Weinrote und safrangelbe Blütenblätter
lösten sich vom Rock des Mädchens und
deckten die Welt unter ihr zu.
(c) Sabine
Burkhardt
*)Zitat
aus: Des Lebens Dernier Cri , Peter Stephan